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Neurechte Verbindungen zwischen Hannover und Salzburg

Der jährlich stattfindende Wiener Akademikerball (vormals WKR-Ball), welcher von der österreichischen FPÖ organisiert wird, ist immer wieder Anlaufpunkt für extrem rechte Personen und Gruppen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. In den letzten Jahren dient er vor Allem als Anlaufpunkt sowie Vernetzungstreffen von Personen aus dem burschenschaftlichen Milieu und von Mitgliedern der extrem rechten Identitären Bewegung (IB). Auch dieses Jahr lädt die FPÖ ein und zahlreiche bekannte Personen folgen der Einladung. Unter ihnen auch der (noch) Chef der österreichischen Identitären Martin Sellner mit seiner Frau Brittanie Sellner (ehemals Pettibone). Beide posieren auf einem Bild zusammen mit einem weiteren Paar, um die es in diesem Text gehen soll: dem rechten Salzburger Aktivisten Roman Möseneder und der ebenfalls politisch aktiven, in Garbsen bei Hannover wohnenden Franziska Komor.

Roman Möseneder und Franziska Komor beim WKR-Ball 2020
Roman Möseneder und Franziska Komor beim WKR-Ball 2020

Im August 2019 wird in Hannover Ahlem eine 61 jährige Frau ermordet. Als zwingend tatverdächtig gilt als bald ein junger Mann, welcher sich als Asylbewerber in Deutschland aufhält. Schnell wird dieser tragische Vorfall rassistisch aufgeladen und weit in konservativen und rechten Kreisen verbreitet. Einige Monate später taucht auf dem YouTube-Kanal „Lukreta“ ein Video zu dem Vorfall auf. Lukreta hat es sich zum Ziel gesetzt sogenannte „Einzelfälle“ bekannt zu machen und damit sexualisierte Gewalt und Feminizide rassistisch aufzuladen. Dabei werden ausschließlich Fälle thematisiert, bei denen dem Täter eine nicht deutsche Herkunft zugeschrieben wird und somit die Taten rassistisch aufgeladen werden können.

Screenshot: Video auf der YouTube-Seite von Lukreta zum Mord in Hannover-Ahlem


Sexualstraftäter und Mörder mit vermeintlichen oder tatsächlichen muslimischen Hintergründen werden als Beleg für die Barbarei muslimischer Männer präsentiert. Und zugleich als Opfer einer Kultur, deren Frauenverachtung sie nicht entkommen können. Die Täter werden nicht als Individuen beschrieben, sondern als Stellvertreter einer monolithisch behaupteten Kultur „des Islam“. (Juliane Lang, Feminismus von Rechts 2018)

 

Die ausschließlich weiblichen Personen, die hinter Lukreta stehen, geben sich dabei gezielt bürgerlich und offen. Ziel ist es hier eine vermeintlich bürgerliche Anschlussfähigkeit für rassistische Gedanken zu suggerieren. Schaut man sich diese Gruppierung und ihre Entstehungsgeschichte jedoch genauer an, so wird ihre Verankerung im Netzwerk der Neuen Rechten deutlich. Das Projekt Lukreta kann dabei als Nachfolgeprodukt, der Anfang 2018 gegründeten Initiative 120 Dezibel angesehen werden. 120 dB, wie die Kampagne oftmals abgekürzt wird, ist ein Projekt von Frauen, die allesamt in der Identitären Bewegung im deutschsprachigen Raum aktiv sind. Bei 120 dB geht man ähnlich vor, auch hier wird versucht die Themen sexualisierte Gewalt und Einwanderung miteinander zu verknüpfen und damit neue Felder der rassistischen Agitation zu erschließen. Die Aktivistinnen gehen dabei deckungsgleich zu allen Aktionen der Identitären vor. Es gibt medienwirksame Aktionen und eine anschließende breite Berichterstattung auf den eigenen Social-Media-Kanälen. Durch das massenhafte Teilen dieser Beiträge durch die Accounts der rechten Politblase entsteht so eine schnelle (Szene-)Öffentlichkeit.

 

Es geht also um die Abgrenzung nach außen und die Verteidigung einer heteronormativen Geschlechterordnung nach innen. Frauen wird darin die Rolle als „wehrhafte Opfer“ einer angeblich gegen sie gerichteten Einwanderungspolitik zugestanden. Männer werden als Verteidiger angerufen. (Juliane Lang, Feminismus von Rechts 2018)

 

Das Projekt (ehemals) aktiver Frauen innerhalb der IB um Ingrid Weiss, Annika Stahn, „Paula Winterfeld“ und weitere, ist jedoch nur von kurzer Dauer. Es gibt Streitigkeiten innerhalb der IB, darum wie autonom eine eigene Frauengruppe auftreten dürfe. Führende Kader um Daniel Fiß und Martin Sellner entschließen sich kurzerhand dazu, das Projekt zu beenden.

Einige Monate später gründen einige ehemalige 120dB-Organisatorinnen das neue Projekt, Lukreta. Maßgeblich an dieser Reorganisation beteiligt ist die Bonner IB-Aktivistin Reinhild Boßdorf. Boßdorf ist seit Jahren in der (neu) rechten Szene aktiv und ist innerhalb dieser bestens vernetzt. Grundlage dafür ist auch ihr familiärer Hintergrund. Ihr Vater tritt bereits Anfang der 2000er als Redner des Instituts für Staatspolitik von Götz Kubitschek auf. Ihre Mutter, die Historikerin Irmhild Boßdorf ist nicht nur als Autorin und Übersetzerin für verschiedenste (neu) rechte Zeitschriften (Junge Freiheit, Sezession) aktiv, sondern ebenfalls als Mitarbeiterin des AfD-Bundestagsabgeordneten Rüdiger Lucassen. Darüber hinaus unterhält Reinhild Boßdorf über ihren Freund, den Salzburger IB Aktivisten Edwin Hintsteiner beste Kontakte nach Österreich.

Instagram Likes von Reinhild Boßdorf auf dem privaten Profil von Franziska Komor


In diesem Kontext wird auch Franziska Komor aktiv, als sie Ende 2019 ihr Video über den Mord an der 61-jährigen Hannoveranerin auf dem YouTube-Kanal von Lukreta postet. Die damals noch 17-jährige besucht zu diesem Zeitpunkt die Oberstufe des Johannes-Kepler-Gymnasiums in Garbsen. Bereits Ende 2018 fängt sie an sich zu politisieren, wie ihren Social-Media-Kanälen zu entnehmen ist. Sie beginnt rechten Aktivist*innen zu folgen und äußert sich immer öfter politisch. Die Feindbilder, denen sie dort nachkommt, werden dabei immer deutlicher – es geht gegen Medien, die etablierte Politik und immer wieder gegen Geflüchtete und Muslime.

Politische „Selbstbeschreibung“ auf Franziska Komor’s Twitter Profil

In dieser Zeit soll sie mindestens einmal eine der Akademien des „Institut für Staatspolitik“ besucht haben. Dieses von Götz Kubitschek geleitete Institut organisiert regelmäßig Schulungen und Akademien für junge Menschen und kann als eines der Thinktanks der sogenannten Neuen Rechten gesehen werden. Die hier propagierten extrem Rechten und völkischen Einstellungen sind auch immer mehr in den Äußerungen von Franziska Komor zu finden. Wie ihre Eltern, bei denen sie wohnt, zu dieser politischen Radikalisierung stehen bleibt offen. Zumindest die Rolle ihres Vaters ist dabei Fragwürdig. Dieser sitzt im Vorstand des Elektronikhändlers Expert und ist in dieser Funktion für mehrere Märkte verantwortlich. In einem dieser Märkte arbeitet noch immer Sascha Perschke als Abteilungsleiter. Eben dieser Sascha Perschke ist über mehrere Jahre Hauptorganisator von Pegida Hannover (später Hagida), einem Sammelbecken für extrem Rechte aus Hannover und der Region. Trotz mehrerer Medienberichte und Outings, ist ihm die Unterstützung durch seine Vorgesetzten nie verwehrt worden.

 

2019 reist Franziska Komor regelmäßig nach Österreich. Sowohl in die Hauptstadt nach Wien als auch nach Salzburg. Spätestens seit Mitte des Jahres ist klar, dass sie dort ihren Freund, den Schüler und rechten Aktivisten Roman Möseneder besucht. Möseneder, welcher in Salzburg lebt und zur Schule geht versucht sich bereits in jungen Jahren als Journalist. Anfangs schreibt er für Vice Austria und für Die Zeit, ist Vorsitzender der Jugendpresse Östereich. 2018 schreibt er noch über „Freunde mit Migrationshintergrund“, die Angst vor Rechtsextremen haben oder dokumentiert das faschistische Ustaša Treffen in Kärnten. Doch auf seinen Social-Media–Kanälen lässt sich bereits zu dieser Zeit das schrittweise Hinwenden zu rechtem Gedankengut erkennen. Mittlerweile schreibt er für die rechten Publikationen Wochenblick und Info-Direkt, das Arcadi Magazin und dem FPÖ-nahen Attersee Report und ist im RFJ (Ring Freiheitlicher Jugend Österreich), der als rechtsextrem eingestuften Vorfeldorganisation der FPÖ, aktiv. Zudem kann er dem Umfeld der Identitären Bewegung zugerechnet werden. Deren österreichischer Kopf Martin Sellner bezeichnet ihn dabei als „hervorragendes, junges journalistisches Talent“ und dreht gemeinsam mit ihm Videos oder bewirbt Möseneder‘s Veröffentlichungen.

Roman Möseneder 2019 auf einer, von Identitären organisierten Demonstration. Bildrechte: Presseservice Wien

Möseneder wird dabei von verschiedensten Medien hofiert und gefördert, wird in Talkshows eingeladen und gilt als große Hoffnung innerhalb der rechten Szene. Nicht zuletzt durch die Förderung von Götz Kubitschek, welcher ihn als Redner beim Institut für Staatspolitik nach Schnellroda lädt, wird Möseneders aktuelle Stellung in der rechten Szene deutlich.

Roman Möseneder 2019 als Referent beim Institut für Staatspolitik in Schnellroda

Was bleibt also? Trotz ihres noch jungen Alters sind sowohl Franziska Komor als auch ihr Freund Roman Möseneder bestens vernetzt innerhalb der Neurechten Szene Deutschlands und Österreichs. Sie pflegen beide beste Kontakte zu verschiedensten Aktivist*innen der Szene und sind politisch aktiv. Beide werden dabei durch bereits aktive Protagonisten der rechten Szene gefördert. Gerade ihr noch junges Alter und Auftreten in den sozialen Medien erlaubt ihnen eine Verbreitung und Normalisierung rassistischer und völkischer Einstellungen.