Recherchen zu Nazistrukturen aus Hannover und der Region
Holger Gerlach zusammen mit Marc Oliver Matuczewski im Dezember 2005 am Rande einer antifaschistischen Demo in Garbsen

Holger Gerlach und der NSU in Niedersachsen (AIB-Artikel)

Holger Gerlach war einer der wichtigsten Unterstützer des NSU und einer der fünf Angeklagten im NSU-Prozess in München. Er ermöglichte dem NSU-Trio ein Leben im Untergrund, organisierte innerhalb der rechten Szene Unterstützung und transportierte mindestens eine Waffe für das Trio. Gerlach steht dabei für ein breites Netzwerk in Niedersachsen, welches direkt oder indirekt das Trio und ihr Handeln unterstützt hat.

Holger Gerlach wurde 1974 in Jena geboren und wuchs dort auf. Zwischen 1988 und 1997 war er Mitglied des „Nationalen Widerstand Jena“ und somit Teil des „Thüringer Heimatschutz“ (THS), in welchem auch das NSU-Trio aktiv war, bevor es 1997 in den Untergrund ging. Gerlach lernte Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in den frühen 1990er-Jahren kennen. Fotos zeigen ihn unter anderem 1996 auf einer Neonazi-­Demonstration für den Kriegsverbrecher Rudolf Heß in Worms, dort trägt er mit Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Ralf Wohlleben eine schwarz-weiß-rote Fahne. 1997 zog Gerlach mit seiner Mutter nach Hannover-Bothfeld. Uwe Mundlos half bei dem Umzug.

Bis 2010 arbeitete Gerlach als Lagerist und war unter anderem Mitglied im Betriebsrat. Im Jahr 2009 zog er mit seiner Freundin in das an die Region Hannover grenzende Lauenau im Landkreis Schaumburg. In Hannover nahm er weiterhin an Demonstrationen und Aktionen der örtlichen Neonazi-Szene teil und hatte Kontakt zu „Blood & Honour“-­Kreisen. Außerdem gehörte er der Kameradschaftsszene an und war z.B. Teil der hannoverschen „Kameradschaft Verena“, einer insofern bedeutenden Kameradschaft, als dass sie von einer Frau, Verena J., geführt und nach ihr benannt wurde. Gerlach besuchte im gesamten Bundesgebiet Neonazi-Demonstrationen, so unter anderem 2003 in Neumünster und Wunsiedel gegen die sog. „Wehrmachtsausstellung“, im Jahr 2005 den sogenannten „Trauermarsch“ in Magdeburg. Er selbst gab an sich ab 2004 von der rechten Szene gelöst und anschließend nur noch vereinzelt, auf freundschaftlicher Ebene bestehenden Kontakt zu „alten Kameraden“ gehabt zu haben. Später behauptete er erst ab Ende 2011 wieder vermehrt den Kontakt zur rechten Szene in Hannover gesucht zu haben. Er wurde jedoch auch zwischen den Jahren 2004 und 2011 auf Neonazi-­Demonstrationen und -Aktionen gesehen. So demonstrierte er 2005 zusammen mit dem regionalem Neonazi-­Aktivisten Marc-­Oliver M. in Magdeburg anlässlich der Bombardierung der Stadt im zweiten Weltkrieg. Im Mai des gleichen Jahres reiste er mit Marc-Oliver M. nach Berlin, um an einer Demonstration der NPD-Jugendorganisation teilzunehmen. Einen Monat später demonstrierte er mit Neonazis in Braunschweig. Fotos zeigen ihn in einer Gruppe von Neonazis der „Kame­radschaft Weserbergland“. Im Dezember 2005 provozierte Gerlach zusammen mit Marc-Oliver M. am Rand einer Schüler_innen-Demo gegen rechte Gewalt in Garbsen und wurde von Antifaschist_innen verjagt. Noch kurz vor seiner Festnahme, am 25. Oktober 2011 begleiteten er und der Neonazi-Aktivist Sebastian W. (Garbsen) ihren gemeinsamen Freund Marc-Oliver M. zu einem Prozess am Amtsgericht Hannover gegen Antifaschist_innen, weil dieser „Stress mit Linken“ befürchtete. Im Prozess ging es um einen Angriff sechs Jahre zuvor.

Holger Gerlach zusammen mit Marc Oliver Matuczewski im Dezember 2005 am Rande einer antifaschistischen Demo in Garbsen
Holger Gerlach zusammen mit Marc Oliver Matuczewski im Dezember 2005 am Rande einer antifaschistischen Demo in Garbsen

Gerlachs Unterstützung für das NSU-Trio

Die wohl wichtigsten bekannten NSU-Unter­stützungsaktionen von Holger Gerlach waren die Beschaffung bzw. Bereitstellung eines Führerscheins, eines Personalausweises und einer AOK-Krankenkassenkarte. Bereits zwei Jahre nach Gerlachs Umzug nach Hannover wurde er von Ralf Wohlleben angesprochen und um Unterstützung für das Trio gebeten. Wohlleben und er kannten sich aus der gemeinsamen Zeit im „Thüringer Heimatschutz“. Gerlach gab Wohlleben 3.000 DM für den NSU. Auf der Hochzeit des führenden Neonazis Thorsten Heise mit Nadine Q. im Juni 1999 in Northeim soll er mit Heise über Möglichkeiten einer Flucht des Trios nach Südafrika gesprochen haben. Kontakte gab es vermutlich schon vorher. Gerlach soll z.B. zum Kreis der Jenaer RechtsRock-Band „Vergeltung“ gezählt haben, die auf einem der sog. „Northeim-Sampler“ von Heise veröffentlicht wurde. Das Vorgespräch mit Heise zur Unterstützung des NSU führte schließlich ein anderer Gast: Tino Brandt, Führer der damaligen Kameradschaft von Gerlach, Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe in der Vergangenheit. Tino Brandt war zu diesem Zeitpunkt bereits V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes. Im Jahr 2007 fand das BKA bei einer Razzia auf Heises Grundstück im Eichsfeld mehrere Kassetten aus einem Diktiergerät, die das Gespräch zwischen den beiden und den Inhalt dokumentieren. Nachdem Brandt vorgefühlt hatte, sprach Gerlach mit dem Bräutigam über mögliche Optionen. Zwischen Sommer 2000 und Ende Juni 2001, kurz vor dem ersten Mord des NSU, entwickelte Gerlach eine Briefreundschaft zum damaligen Zeitpunkt im Gefängnis sitzenden Thorsten Heise. Rund ein Dutzend Briefe gingen durch die Kontrolle der Anstalt. In den Vernehmungen erinnerte sich Gerlach später zumindest an zwei weitere Treffen mit Heise. Eins im Auftrag von Wohlleben, ein weiteres im Auftrag von Brandt. Ungefähr 1999 soll Heise ihm dann eine Telefonnummer in Südafrika als Kontakt gegeben haben. Thorsten Heise wiederum erinnerte sich in seiner Vernehmung später weder an Gerlach, noch an die Treffen mit ihm.

Im Zeitraum zwischen 2006 und 2007 traf sich Gerlach mit dem NSU-Trio in seiner Wohnung in Bothfeld. Damals kam es auch zu einem letzten Treffen mit Wohlleben. In den folgenden Jahren gab es allerdings weitere Treffen zwischen Gerlach und dem Trio selbst. Diese Treffen fanden in der Öffentlichkeit und nicht in Gerlachs Wohnung statt. So trafen die vier sich im Sommer 2008 in Hannover am Kröpcke und besichtigten zusammen die Stadt. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass sie hier nach möglichen Zielen für Morde oder Anschläge Ausschau hielten. 2009 kommt es zu einem Treffen zwischen Trio und ihm am Autohof an der A2 in Lauenau, wohin Gerlach gezogen war. Im Mai 2011 besuchten Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt ihn ebenfalls zu Hause in Schaumburg. Uwe Böhnhardt schnitt ihm bei diesem Treffen die Haare und anschließend fuhren sie gemeinsam nach Rodenberg, um Passfotos von Gerlach zu machen und mit diesem im Anschluss einen neuen Reisepass auf Gerlach zu beantragen und einen vorläufigen Ausweis für ihn ausstellen zu lassen. Acht Wochen später kam das Trio erneut nach Schaumburg, um den Ausweis abzuholen.

Auch schon vorher gab es mehrere private Treffen zwischen Gerlach und dem NSU-Trio, so besuchte er im Sommer 2000 das bereits untergetauchte NSU-Trio bei ihrem Sommerurlaub auf einem Campingplatz auf Usedom. Dies war der erste von mehreren gemeinsamen Urlauben. Über die Urlaube berichtete Gerlach in seiner Vernehmung später, dass Beate Zschäpe alles bezahlt habe. Er selbst habe lediglich die Anreise selbst übernehmen müssen. Diese Urlaube seien auch als „jährliche Systemchecks“ gedacht gewesen, um also z.B. zu überprüfen, ob es in Gerlachs Leben Veränderungen gegeben habe, ob gegen ihn ermittelt werde und ob Gerlachs Identität weiter gefahrlos nutzbar sei.

Im Jahr nach dem ersten gemeinsamen Urlaub, 2001, transportierte Holger Gerlach für Ralf Wohlleben eine Waffe von Chemnitz nach Zwickau. Dort holte Zschäpe ihn vom Bahnhof ab und brachte ihn zur Zwickauer Wohnung des NSU-Trios. Einer der beiden Uwes packt die Pistole noch im Beisein von Gerlach aus und lud sie durch. Im Anschluss an dieses Treffen soll Gerlach sich mit Wohlleben wegen des Waffentransports zerstritten haben. Obwohl er vorher immer einen engen Kontakt zu Ralf Wohlleben gehabt hatte, fühlte Gerlach sich von diesem ausgenutzt. Trotz des Streits mit Wohlleben organisierte Gerlach im gleichen Jahr für das Trio einen weiteren Reisepass. Für das Passfoto ließ er sich dieses Mal extra einen Schnauzbart stehen und setzte eine Brille auf. Die Übergabe erfolgte unter klandestinen Bedingungen auf dem Weg zu seiner Schwester in der alten Heimat: Er übergab den neuen Pass und eine Krankenkassenkarte, die auf seinen Namen liefen am Bahnhof Zwickau. Dort bekam er im Gegenzug von Zschäpe 13.000 DM. Davon sollen 3.000 DM die Rückzahlung der geliehenen Summe gewesen sein. Die 10.000 DM sollte er für das Trio verwahren, allerdings gab er dieses Geld in den folgenden Jahren aus.

Im Mai 2004 feierte Gerlach seinen Geburtstag im „Braunen Haus“ in Jena. Das „Braune Haus“ war ein wichtiger Ort für die Thüringer Neonazi-Szene. Im Sommer des gleichen Jahres besuchte Gerlach die drei Untergetauchten abermals bei ihrem Urlaub, dieses Mal in Lübeck. Gemeinsam besichtigten sie unter anderem das Wahrzeichen der Stadt, das Holsten Tor. Zwei Jahre später intensivierte sich der Kontakt zwischen Gerlach und dem Trio weiter, mehrfach telefonierten sie, bis Gerlach ihnen schließlich seinen Führerschein, eine ADAC-Karte und eine Krankenkassenkarte übergab.

Unterstützung aus Hannovers Strukturen

Die Krankenkassenkarte, welche Gerlach für das NSU Trio besorgte, hatte er zuvor der Frau seines Freundes Alexander Michael Sch. („Baby“) aus Hannover, für 300 € abgekauft. Über die spätere Hochzeit von Silvia R. mit Alexander Sch. und die damit verbundene Namensänderung informierte er das Trio. Alexander Sch. war Teil der Neonazikameradschaft Hannover/Langenhagen. Er erzählte im NSU-Prozess, er habe Gerlach im Jahr 2000 auf der Geburts­tagsfeier von Andreas R. („Recki“) aus Hannover kennen gelernt. Ein anderes Mal sei es die Feier von Sebastian W. aus Seelze gewesen. Beide waren in der Region Hannover aktive Neonazis, so war Andreas R. bereits 1988 an einem Angriff auf das linke „Sprengel-Gelände“ in Hannover beteiligt, bei dem ein Besetzer durch einen Stich mit dem Messer lebensgefährlich verletzt wurde.

Ein Liederabend für Terror-Fans ?

Im Dezember 1999 organisierten u.a. Hannes F. und Gerlach einen rechten Liederabend über die „Blood & Honour“­-Strukturen in Hildesheim, bei dem die­ ­Jenaer Band „Eichenlaub“ auftrat. Die Band hatte zuvor ein Lied als eine Art Hommage an den späteren NSU geschrieben. In dem Lied „5. Februar“ wird das Untertauchen des späteren NSU vertont. Die konkrete Festlegung des Datum des Untertauchens erscheint etwas fragwürdig, doch der Text  ist eindeutig: „Ihr hattet wohl keine andere Wahl […] Zurück könnt Ihr jetzt wohl nicht mehr [..] Die Kameradschaft bleibt bestehen […] Der Kampf geht weiter, für unser deutsches Vaterland!“. Holger Gerlach wurde bei dem Konzert in Hildesheim als „Ehrengast“ des Abends begrüßt. Er soll derjenige gewesen sein, der sich darum bemühte, dass die Band „Eichenlaub“ eingeladen wurde und der diese dann auch vom Bahnhof abholte. Der Gitarrist Christian Kapke („Erlwig“) und die Sängerin Claudia Walter („Jecha“) von der Band „Eichenlaub“ waren damals beide Anhänger des „Nationalen Widerstand Jena“.  Mit auf der Bühne stand ein Urgestein der RechtsRockszene: Der Engländer Steven John Calladine („Stigger“). Er war ehemaliges Mitglied der RechtsRockband „Skrewdriver“. Die englische Band gilt als Mitbegründern von „Blood & Honour“, dem Neonazi-Netzwerk, das militanten „führerlosen Widerstand“ proklamierte. Ein weiterer relevanter Gast auf dem Liederabend war Johannes Knoch, der ein Tattoo-Studio und ein Military-Geschäft betrieb. (Vgl. AIB Nr. 65). Daneben bot Knoch Schulungs- und Trainingskurse für Soldaten an, an denen auch bekannte Neonazis teilnahmen (Vgl. AIB Nr. 76). Auch er war ein Gast auf Heises Hochzeit.

NSU-Prozess

Nach seiner Festnahme am 13. November 2011 in Lauenau, befand sich Holger Gerlach bis zum 25. Mai 2012 in Untersuchungshaft. Nachdem er teilweise sehr umfangreiche Aussagen gegen die anderen, im NSU Prozess Angeklagten, gemacht hatte, wurde er aus der U-Haft entlassen und befand sich danach vorrübergehend im staatlichen Zeugenschutzprogramm, welches er jedoch freiwillig wieder verließ.

Holger Gerlach wurde wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung zu drei Jahren Haft verurteilt. Die Staatsanwälte hatten fünf Jahre Haft gefordert. Die Strafminderung erfolgte aufgrund Gerlachs umfangreicher Aussagen über die Beschaffung von Waffen und die Aufdeckung von internen Strukturen. Außerdem wirkte sich der Fakt, dass Gerlach nicht vorbestraft war, strafmildernd aus. Einzelstrafen erhielt er im Prozess für: das Überlassen des Führerscheins, der AOK Karte und des Reisepasses, jedoch nicht für den Transport der Waffe und die Aufbewahrung von höheren Geldsummen des NSU-Trios. Diese Handlungen finden im Urteil gegen ihn keine Erwähnung. Seine Verteidigung, die aus den beiden Pflichtverteidigern Stefan Hachmeister und Pajam Rokni-Yazdi bestand, versuchte Gerlach als unwissend darzustellen und es so aussehen zu lassen, als hätte Gerlach im Wissen über die geplanten Taten nicht so gehandelt, wie er es hat. Aufgrund der bekannten regelmäßigen Treffen und eindeutigen Unterstützungshandlungen erscheint diese Darstellung wenig glaubwürdig. Gerlach legte durch seine Unterstützungshandlungen den Grundstein für ein Leben des Trios im Untergrund. Durch regelmäßige Treffen, sogenannte „Systemchecks“ wurden die Legenden für die Untergetauchten kontinuierlich aufgefrischt. Das bei all diesen Treffen, Unterstützungshandlungen und der aktiven Beteiligung innerhalb der extrem rechten Szene jegliche Motive des Trios für Gerlach im Unklaren blieben, ist stark anzuzweifeln.

Was bleibt?

Im Gegensatz zu vielen anderen Bundesländern gab oder gibt es in Niedersachsen keinen parlamentarischen Untersuchungs­ausschuss und auch ansonsten blieb eine breite, lokale Thematisierung der Vernetzungen und unterstützenden Strukturen des NSU in Niedersachsen marginalisiert. Viele der Fragen zur Rolle der niedersächsischen extrem rechten Szene, zu der Holger Gerlach gehörte, sind noch immer offen. Spannend dabei ist vor allem das direkte Umfeld von Gerlach, in welchem er sich über Jahre in Hannover bewegte. Die ehemaligen Kameradschaften sind schon seit Jahren aufgelöst oder verboten worden, die Personen und ihre Netzwerke bestehen jedoch weiterhin. Ein Beispiel dafür, sind die losen Strukturen um den hannoverschen Chapter der „Brigade 8″, welchem viele ehemalige Personen aus dem Umfeld von Holger Gerlach zugerechnet werden können. In diesem losen Netzwerk im Westen der Region Hannover finden sich von ehemaligen Mitgliedern der „Kameradschaften Verena“ und „Besseres Hannover“, jungen und älteren Neonazis aus der Region auch Personen aus Gerlachs direktem, persönlichen Umfeld. Hier bestehen Strukturen über Jahrzehnte und können in der Anonymität ungestört leben und handeln.

Der Artikel wurde zuerst im Antifa Infoblatt 128 veröffentlicht und kann dort auch in der Print-Version nachgelesen werden.